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Die hohe Kunst des Loslassens

Leeres Zimmer mit zusammengerolltem Teppich als Ausdruck des Abschieds vor einer neuen Phase und Neuausrichtung

Die hohe Kunst des Loslassens

Als mein Mann und ich vor ein paar Jahren unsere Wohnung auflösen und all unseren Besitz verkaufen, um ohne Enddatum durch Europa zu reisen und frei zu sein, ist er plötzlich da: Der Moment, an dem es kein Zurück mehr gibt. Wenn eine große, lebensverändernde Entscheidung getroffen ist. Dinge in die Wege geleitet. Doch um ein Kapitel sauber abzuschließen, um ein Neues unbefleckt zu beginnen, braucht es zuallererst eins: genügend Raum für Abschied.

Jeder Abschied ist ein Übergang

Um diesen gebührend zu feiern, sind die eigenen Räumlichkeiten eine oft unterschätzte Stütze. Denn nicht jeden Abschied sucht man sich aus oder fällt einem leicht. Das Loslassen kann ganz schön aufwühlend sein.

Bewusst loslassen lernen

Dabei geht es nie um den jeweiligen Gegenstand an sich, den man loslassen möchte. Es geht immer um die Emotion, die, durch die Erinnerung an diesen Gegenstand in seinem Ursprungs-Setting, hervorgerufen wird. Manchmal, ganz ohne dass man es steuern kann.

Ein Beispiel: Beim Erbstück des Opas geht es nie nur um den Tisch an sich. Sondern vielmehr um das Gefühl von Zusammenhalt und Zugehörigkeit, als man damals gemeinsam mit der Familie lachend um eben diesen Tisch saß.

Abschiede brauchen keine Ratschläge

Viele Menschen sind von ihren Emotionen überfordert. Sie sortieren lieber Dinge, anstatt sich mit diesen in der Tiefe auseinanderzusetzen. Das passiert auch umgekehrt: Anstatt Mitmenschen Raum zum Abschiednehmen zu gestatten, predigt man Lösungen, gibt Hilfestellungen oder ermahnt an dies oder jedes zu denken. Denn Lösungen lassen sich emotional besser aushalten.

Als mein Mann den Vorschlag machte, uns drei Monate Zeit für unsere Auflösung zu lassen, war ich erstmal geschockt. Ich bin Minimalistin und kann mich gut von Dingen trennen. In meinem Tempo würde das ganze Prozedere keine 3 Tage dauern. Das Auflösen des gesamten Besitzes jedoch, ist die höchste Kunst des Loslassens. Und die habe ich damals komplett unterschätzt.

Rückblickend entpuppte sich diese lange Zeit des Abschieds als die wichtigste Phase dieser großen Lebensveränderung: Wir nahmen jedes Teil noch einmal in die Hand. Wir tauchten in Familiengeschichte ein. Sahen uns uralte Fotoalben oder Schuldokumente an. Lachten und weinten. Saßen stundenlang in den immer leerer werdenden Räumen. Trennten uns emotional von Erbstücken. Fühlten die Wellen an kunterbunten Emotionen eines gesamten Lebens.

Emotionale Unterstützung beim Abschiednehmen

Um das Abschiednehmen zu erleichtern, ist der Raum an sich ein viel unterschätztes Tool, der folgendermaßen unterstützt leichter loszulassen:

Farben
Ruhige Farben und weiche Materialien helfen in den eigenen vier Wänden dabei, sich in dieser verletzlichen Zeit sicher und geborgen zu fühlen. Und unterstützen dabei, sich leichter für diese oft unangenehmen Emotionen öffnen zu können. Der Raum wird so „Safe Space“.

Klarheit
Auch Klarheit und Ordnung helfen dabei, dem Auge einen dringend benötigten Ruhepol zu bieten, welcher sich dann direkt auf das Gehirn überträgt. Das Ergebnis: Das Kopfchaos lichtet sich, Ruhe kehrt ein. Der Raum wird zu einem ablenkungsfreien Ort und „Buddy“, der den Schmerz tragen kann, anstatt ihn durch Dinge zu überlagern.

Sound
Musik war für uns ebenfalls ein Anker. Sie hat uns dabei geholfen, mit Emotionen in Kontakt zu kommen. Sie nicht einfach wegzudrücken, nur weil sie vielleicht gerade unbequem sind. Mal laut und schnell für positive Vibes. Mal leise und langsam für Trauer oder Wut. Unsere Räume wurden so zu Zeitzeugen dieses Übergangs.

Anker
Um den Fokus nicht zu verlieren und sich darauf zu besinnen, warum man diese ganze Loslass-Prozedur gerade macht, hilft es, sich einen kleinen Altar zu bauen mit Fotos und kleinen Dingen, die an die Vision dahinter erinnert. Das können Bilder sein, die Freiheit ausstrahlen oder Abenteuerlust wecken oder Gegenstände wie zB. ein Stein der an den Strand erinnert und als Anker für diese Übergangszeit dient. Diese kleinen Inseln im Raum werden zu den vielleicht wichtigsten Verbündeten beim Abschiednehmen und Loslassen.

Perspektivwechsel

In diesem Artikel geht es um den äußeren, räumlichen Blickwinkel auf das Abschiednehmen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: Die innere, mentale Perspektive auf das Abschiednehmen, gibt es in der Podcastfolge „Raum für Abschied“. Darin geht es darum, die Schönheit und Relevanz im Abschiedsprozess zu erkennen und so nachhaltig dafür zu sorgen, das jeweilige Kapitel sauber abzuschließen.